gudrun seidenauer
prosa

Hausroman

Roman

Was ein Haus erzählt: vom Leben unter einem Dach, zwischen Wänden und Türen. Und mit den Menschen geht auch die Liebe ein und aus.

Kapitel 6, Sapiens Sapiens (Anfang)

Einmal war da einer, der zeigte mir Wüsten und Meeresengen, tief eingeschnittene Täler, rot und grau gestreifte Canyons, Landzungen, die von Mittelmeerkiefern und hartlaubigem gelbem Ginster bewachsen waren, Bäche, zu türkis schimmernden Mäandern gefroren, endlose Grasbahnen und Distelfelder, den dichten mitteleuropäischen Mischwald vorindustrieller Jahrhunderte. Vor allem bot er mir neue Horizonte, aus gezackten Gipfeln, aus sanften Hügelbändern mit niedrigem, verfilztem Buschwerk, oder Sanddünen, die das Licht je nach Tageszeit anders einfärbte, alles, was mir nur vom Hörensagen vorstellbar war, ohne je gesehen zu haben. In gewisser Hinsicht zeigte er mir mehr als sonst jemand und beschenkte mich über die Maßen. Womit? Mit Gegenden ohne Menschen. Mit der Idee, dass sie dort die längste Zeit nichts als Randerscheinungen waren, dass sie sehen mussten, wie sie überlebten, vergleichsweise schlecht ausgestattet, dort, wo sie die längste Zeit mit nichts anderem beschäftigt waren. Orte, an denen sie nichts zu sagen und die sie nicht geschaffen hatten. Man weiß, wie es weiterging.


knallgelb verschränkt

Kurzprosa, Lyrik & Bilder

Texte zu Bildern von Monika Sperrer

14 - á trois

dein ist mein halbes herz, steht auf dem teller, von dem er im traum isst. der breiberg wird nicht weniger, denn die frau links hinter ihm ist schon zur stelle und schöpft nach, wenn der boden des tellers sichtbar zu werden droht. er kann ihren atem hören und riecht ihren süßlichen schweiß. er weiß, dass er träumt und wundert sich, dass er im traum riechen kann. die gestärkte schürze der frau knistert. er kann den kopf nicht wenden, weil er träumt, das weiß er. er löffelt schneller und schneller, die frau schöpft schneller nach. wenn er ausatmet, atmet sie ein. wie wasserdampf wärmt ihn ihr atem. der löffel fällt zu boden. das klirren macht ihm angst. jetzt, das weiß er, jetzt könnte er den arm nach hinten strecken und sie an sich ziehen. seine finger zucken. er fühlt die glatte haut ihrer armbeuge unter den fingerkuppen, ihre kniekehle. sein blick fällt auf den teller: einzelne buchstaben werden schon sichtbar. aber er ist schlau: er beschließt einzuschlafen, und ihr warmer, wehender wasserdampfatem wird ihm dabei helfen. im traum kann er sitzend schlafen und träumen mit weit offenen augen und lächelndem mund. es wird nicht lange dauern, und während die frau im traum ihm den mund und das kinn abtupft, wird er träumen im traum, und im traum im traum wird er in der farbe blau die umrisse eines menschen erkennen, während sein traumkörper im anderen traum reglos sitzen bleibt und keinen versuch unternimmt, auch nur am sessel zu rücken. und da ist ja noch, er weiß es, etwas wirkliches, da draußen außerhalb des traums und außerhalb des traums im traum, aber wen interessiert das schon, was solls, denn er ist ja schlau und mit jedem traum schlauer.

20 - wer eine geschichte kennt, kennt schon den tod

vor dem anfang war das geflüster des grases, das gurgelnde gelächter der fließenden gewässer, das seidige rascheln der welt. sie lächelt helldunkel, sie kommt lautleise und geht. um dich ist in dir. das ist die einzige ordnung. alles antwortet dir. du bist antwort und frage. dann lernen die wörter dich kennen, benennen dich, nehmen dich in ihre sanften netze, schaukeln dich fort. so bleibt die welt, auch wenn sie geht. du wirst du. dein name umhüllt dich, führt dich auf die siegerstraße. dort ordnest du dich zu zeilen. du glaubst deiner geschichte.
wenn der tiefe grüne ton eines blicks dich hinausträgt, manchmal noch der sprung, sekundenweise, im roten kleid, ohne zeilen, ohne worte, hinaus, weit hinaus.

33 - wo aber rettung ist, wächst die gefahr

sag, 'ich liebe dich', sag, 'heute essen wir fisch', sag, 'fahr vorsichtig'. wenn der boden zittert, schäl einen apfel. wenn der schlaf löchrig wird, lies ein buch. füttere den hund, kauf blumen, wenn es zeit ist. wiederhole dich, erkenn dich wieder. nicke dir zu. sag: die rettung ist möglich. stütze abends den schweren kopf. iss und trink. ehre die ahnen. verschwende nichts. achte beim heimgehen auf den weg. nimm, was dir zufällt. lächle bedauernd. lass den knallgelben schrei in der luft stehen. der sonnenuntergang ist heute besonders schön. zeige dich interessiert.


Aufgetrennte Tage

Roman

Die Geschichte zweier Frauen, Mutter und Tochter, die eine gemeinsame Vergangenheit haben, aber ihre Erinnerungen nicht teilen können.

Kapitel 1

Die Maschen fallen von den Nadeln, eine nach der anderen. Noch wissen die Hände, wie man sie wieder auffängt, der Wollfaden gleitet zweimal um den Zeigefinger der Linken wie zehntausende Male zuvor und strafft sich, so fest, dass eine spiralige rote Spur auf der Haut zurückbleibt. Halbpatentmuster, ihr Leben lang kennt sie es, sie mag das leicht Füllige daran und die klaren Linien. Ihr Leben lang strickt sie schon, abends, Westen, Schals, Pullover. Lieber für andere als für sich selbst. Sie bevorzugt feinere, maschingestrickte Gewebe. Handgestricktes trägt auf, sie sieht darin dicker aus, findet sie. Sie streicht über ihre Hüften, die in der Miederhose stecken, und seufzt. Ein weichlicher Fleischring über dem Bund war da immer, seit sie denken kann. Jetzt ist er weg, aber sie kann ihn noch fühlen. Es ist einerlei, jetzt. Neulich war sie einkaufen, und als sie nach Hause kommt, bemerkt sie, dass sie nur die Strumpfhose unter dem Wintermantel trägt. Sie hat dann lange gebraucht zum Anziehen und das Mittagessen vergessen, egal. Seit er weg ist, braucht ja sie nicht mehr zu kochen.


Der Kunstmann

Roman

1 Mensch und 2 Namen,
1 Leben und 2 Geschichten,
1 Kopf und 2 Ideologien:
Woran kann man sich halten im Umgang mit einem Menschen, der zwei Biografien hat?

Kapitel 1

Kleiner sah er aus in dem voluminösen Ohrensessel. Als ihm etwas Kuchen vom Teller rutschte, war es mir peinlich, als wäre es mir passiert. Er trank den Tee in kleinen Schlucken, schob den Kopf echsenhaft langsam an die Tasse heran, wobei seine Anzugjacke breite Querfalten im Nacken schlug. In den Gesprächspausen flatterte sein Blick weg. Dieses Haus macht ihn alt, dachte ich, als ich ihm nun auf dem messingfarbenen Sofa mit den genau einen Ton dunkleren Samtkissen gegenübersaß. Ein hoher Raum, karg möbliert, vollgestellte Regale, die bis zu Decke reichten. Bücher hatten ihn sonst immer größer gemacht, wenn über sie sprach. Oft schien es, als führte er Dialoge mit ihnen wie mit lebendigen Gesprächspartnern. Jetzt halfen die Bücher nicht, waren stummes Dekor eines sehr bürgerlichen Wohnzimmers, dessen Perfektion mich unruhig machte. Eisners Konturen verschwammen in den weichen Gelb- und Orangetönen des Zimmers. Ein Stich frischer Farbe lag im Kaffee- und Kuchengeruch.


Habilis

Erzählung

Da steht er nun, hoch und schmal. Auf Zehenspitzen sei der Mensch in die Welt gekommen, wird sie später lesen, und da: Wird er wieder aus dem Gewölbe Erinnerung steigen und sich in Sätze hineindehnen, in sie, fragen und singen in einem. Rippe an Rippe, Bogen an Bogen, Antwort, ja. Unabweisbar, der erste, mit der Gewalt der Geduld. Please repeat: jewellery. Sie lässt das Wort wie gleichgültig von der Zunge rollen, biegt den Wechsel der Vokale eine Spur über die Korrektheit hinaus. Sie weiß es, der Anfang. Nichts weiß sie.
Der Anfang ist einer, der auf Zehenspitzen kommt, man darf ihn nicht hören, fast wie fußlos kommt er zu ihr auf Englands sanftem Grün. Sie ist noch jung, doch ihre Sätze recken sich über die Jahre hinaus, sind älter und fremd wie ihr Körper, der wer weiß wohin sich aufwölbt, sich auseinander- und hochschiebt. Nicht dorthin. Nur nicht. Sie sieht sich nicht im Spiegel, nicht in den Augen der Gleichaltrigen. Sie sieht sich in Sätzen, in ihrer Schrift, die sich spitzt und noch nie Gedachtes verkreuzt, Zeile an Zeile, Rippenmuster. Antwort, ja. Yes. Auf den ersten, der vor ihr im Klassenzimmer steht, eine neue Sprache in den Raum schleudert, und sie gleitet in ihre Blicke hinein, die seine Sätze umschlingen, fängt sie ein mit geheimem Angelwerkzeug, ihr Ohr, ihre Zunge, lässt seine Sätze zergehen. Sie, hinter verlässlichem Brillenglas und dichtem Haar. Seine Hände. Ferne Liebhaber, die seinen Sätzen vorauseilen, sie verfolgen, sie zur Ruhe bringen, ihnen Bahnen in die Luft zeichnen, dort schaukeln sie wie in Armen. (...)