gudrun seidenauer
lyrik

Anagramme

Anagramme sind Worte und/oder Sätze, die durch das Umstellen der Buchstaben eines gegebenen Wortes oder Satzes entstehen. Dabei müssen alle Buchstaben verwendet werden.
Anagramme sind Zwiegespräche mit Sätzen, mit DichterInnen.
Anagramme sind Erweiterungen aus der engsten Enge der Form.
Anagramme sind Grenzgänger zwischen Unsinn und Sinn, Narrenstücke und strengste Formübungen.

WIR SIND BUERGER ZWEIER WELTEN

(Immanuel Kant)

Wir: wie Zelt ueber Nirgends. Wer
wurzle wider Sinn? Wer Gebieter
liebt, wird Irrwesen zeugen. Wer
wird wie gruener Seen Blitz, wer
nur wird leiser Regen? Webt zwei
Bilder. Wir trugen zweier Wesen
Wunden. Liebe, wirres Zwergtier,
Liebe, winziger Stern. Wer wurde
wie. Erwirb Wind, stuerze Regeln.
Wir werden zur Nilreise bewegt.


Gedichtzyklus "Momente"

Moment der Entfernung

Nicht zu trauen der Erinnerung
an begehbares Wasser
Der Rest verteilt in künstlichen Armen
So winken wir einander noch zu
Mit unsern beschlagenen
Stimmen lachen Gespenster
die einander nicht kennen
rote Fäden zwischen den Zähnen
die anderen Enden in den Händen
verlassener Kinder weit weg

Weit weg zwischen den kleinen Sätzen
die dampfen vor Angst und Vernunft
weiches Geflimmer dem nicht
zu trauen ist
Gekritzel in der Luft


Weitere Gedichte

Als ich fragte dann

taumelten die Halbwahrheiten
ans Halblicht ineinander
flirrend halb geknickt
halb beflügelt etwas
aus der Herzgegend
wo wir uns halb ineinander
vermuten.

Keine Aufzeichnungen von dort
wo wir einander das Blaue
vorgeträumt hätten
unbewehrter Himmel
so weit wir reichen.

Keine Aufzeichnungen.
Kein Aufenthalt dort
so weit