gudrun seidenauer
essays

Finger und Mond

Dieser Essay entstand nach einer Japan-Reise 2005.

11. Die Mädchen

Die Mädchen lieben die Verwandlung. In der Takeshita Road, einer engen, abschüssigen und mäandernden Tokioter Gasse des Stadtteils, in der die Klamottenläden an- und übereinander drängen (auch die Keller und Obergeschosse der Häuser sind voller winziger Shops), zeigen sie sich, mindestens zu zweit, massenhaft als Mangafiguren aus den Anime-Filmen oder den japanischen Kultcomics, die 40% aller verkauften Druckwerke ausmachen und bei allen Altergruppen gleichermaßen beliebt sind: Von Kochbüchern im Manga-Stil bis zu den wahrlich atemberaubendsten Pornos ist für jede Vorliebe und Altersgruppe etwas dabei. Die verkleideten Manga-Mädchen sind aber vor allem eins: niedlich. Schwarzweiße Spitzenkleidchen, Rüschenschürzen und Ringelsöckchen dominieren. Wo Netzstrümpfe weniger harmlose Fantasien zu erwecken drohen, säumen Blumen- und Herzchengirlanden die Miniröcke und Haarreifen. Die meisten Kostüme zeigen Attribute forcierter Kindlichkeit: Sogar überdimensionale Schnuller baumeln um die Mädchenhälse. Beinah, als wäre man auf einen Kindergeburtstag einer britischen Adelsfamilie gebeamt worden: Spitzenmanschettchen, zugeknöpfte Kleidchen, Samtröckchen, feine Krägelchen, Lacktäschchen, Prinzessinnen- oder Matrosenkleidchen. Wo sich eine Spur von Wildheit zeigt, etwa schwarze Fingernägel, ein Nietenarmband oder ein metallener Hüftgürtel - befreit mit Sicherheit ein klimperäugiges Plüschtierchen die Trägerin von jedem Verdacht auf eine wie auch immer geartete Protesthaltung. (...)

12. Lärm/Stille

Leises:

Der Innenraum des vollbesetzten Flugzeugs ist beinah gespenstisch leise, die fast ausschließlich japanischen Passagiere schweigen, flüstern, dösen, stieren vor sich hin. Kein lautes Lachen, Reden, Schnäuzen, Schnarchen, zwölf lange Stunden lang. Einige tragen Mundschutz. Nur die japanische Fertigsuppe aus dem Plastikbecher wird hörbar geschlürft. Die japanischen Stewardessen senken beim höflichen Lächeln die Lider.
Die Ankunftshalle des knapp zwei Zugstunden außerhalb Tokios befindlichen Narita-Airports. Viele Menschen, kein Lärm. Kein Rufen, keine erhobenen Stimmen. (...)


Spiti/Himachal Pradesh/Indien

Dieser Essay entstand nach einer Reise durch Nordindien im Jahr 2000. Er wurde 2001 in "Literatur und Kritik" (359/360) publiziert.

Der Offizier mit dem sorgfältig gezwirbelten und geölten Schnurrbart und den glänzenden Schaftstiefeln spricht wunderschönes Oxford-Englisch: Nein, er bedaure. Die indische Armee könne keinesfalls für unsere Sicherheit garantieren. So sorry. Einen Augenblick lang entblößt sein Lächeln die von Betelnusskauen rötlich verfärbten Zähne. Er ist jung, vielleicht drei- oder vierundzwanzig. Das feindliche Pakistan ist nah. Er versieht Dienst hier, ein halbes Jahr ohne Unterbrechung. Jobs bei der indischen Armee seien sehr begehrt, hören wir, denn man bekomme nach 35 Dienstjahren eine Pension - etwas sonst völlig Unübliches. Seine Frau und seine Eltern fehlen ihm, erzählt der Offizier. Er sei Hindu und beinah so weit von Hause entfernt wie Palermo von Hammerfest. Wir staunen. Wüssten wir doch keineswegs, wie weit Leh, die Hauptstadt des "Kleintibet" genannten, indischen Ladakh von Delhi entfernt liegt, wären wir nicht eben dahin unterwegs: Ca. 1.100 km. An der Grenze zu Pakistan gibt es Tote, jedes Monat, jede Woche, manchmal täglich, sagt der Offizier. Auf beiden Seiten. Es stehe kaum mehr in der Zeitung. Er spuckt aus, entzündet seinen Beedistummel neu. (...)


Bibbona/Toskana

Dieser Essay wurde 2001 in "Literatur und Kritik" (355/356) publiziert.

Erst beim zweiten oder dritten Mal Vorbeigehen fällt es auf: An der abgeblätterten Fassade sind noch die Reste einer Aufschrift zu sehen, Majuskeln in einst kräftigem Dunkelrot, fast zu groß für das schmale dreigeschossige Gebäude, das sich in die ansteigende Häuserreihe des Dorfs unweit der Costa Etrusca einfügt. Bibbona ist ein kleiner im 15. Jahrhundert um schon bestehende Kirchen gegründeter Ort, der gemeinsam mit dem fünf Kilometer entfernten Küstenableger Marina di Bibbona knapp 3.000 Einwohner hat. Es gibt ein wenig Wein auf den im 18. Jahrhundert trockengelegten Hügeln, sehr viele Oliven und die malerische macchia della magona, ein 1600 ha großes Waldgebiet, in dem u.a. Mufflons und Wildschweine leben. Man sieht, dank Sommertourismus sind die Menschen nicht mehr arm hier: Die Grundstückspreise sind unbezahlbar. Etliche der am Hügel malerisch zusammengedrängten Häuser sind dezent renoviert. Dieses allerdings nicht. (...)


Ist Salzburg anders?

I. Zum Beispiel von Norden

Das zwischen Kanal, Fluss und Bundesstraße eingespannte Vorstadtviertel ist von seiner besseren, grüneren Hälfte schon lange mittels Autobahn geschieden. Der Reststadtteil zerfällt noch einmal in zwei Teile: Der eine ist durch schmale Gässchen kleinteilig gerastert was von oben besehen ein ziemlich regelmäßiges, Karomuster ergäbe, in jedem der Karos ein Ein- oder Zweifamilienhäuschen mit Garage, Kiesweg und gut gestutztem Grün rundherum. Der andere besteht aus mittelhohen Wohnquadern, deren 60er und 70er Jahre-Zuckerlfarben ungefähr zwei Jahrzehnte lang vor sich hinbleichten - dann wurde kräftig renoviert. Diese beiden Stadt-Achtel werden noch einmal von einer Straße auseinander gehalten, die ihren schlechten Ruf nicht ganz los wird, trotz reichlich frischer Farbe, Stadtteilverein, Betreungsangeboten und einer Menge engagierter Menschen, die tun, was sie können und manchmal mehr. Ans Ende dieser Straße wurde in den baufreudigen 70ern ein Messenhallenkomplex gestellt. Jüngst wurde sogar die Zauberflöte dort gespielt. So kam es, dass Ende der 90er Jahre die glanzvolle und die weniger glanzvolle Seite Salzburgs einander unversehens ganz nah kamen. Ob eine Begegnung stattgefunden hat? Eher ist anzunehmen, dass das eine Salzburg durch das andere hindurchsah und vice versa. (...)


Zu Peer Hultbergs "Requiem"

Da kommen sie. Tag für Tag. Gehen und gehen.

Es ist eine hübsche Koinzidenz, gerade am 6. Mai 2006, an Sigmund Freuds 150. Geburtstag über Peer Hultbergs großen Roman Requiem schreibend nachzudenken. Dies nicht etwa, weil der 1935 geborene dänische Schriftsteller im Zweit- oder Erstberuf Jungianischer Psychoanalytiker ist, und auch nicht, weil es sich bei diesem Roman gar um "psychoanalytische" Literatur im landläufigen Sinne handelte, mit psychologisierten Figuren und einem Plot, der dem einigermaßen bewanderten Leser angenehme Aha-Erlebnisse lieferte, die dann das bestätigten, was man ohnehin schon wüsste.
Ohne in irgendeiner Weise Thesen-Prosa zu sein, trägt Requiem Freuds bahnbrechender Einsicht Rechnung, dass das Ich ein Konglomerat widersprüchlicher Gefühle, Wünsche und Fixierungen ist, dessen geistige Kreativität unablässig und mit vielfältigen Mitteln die überlebensnotwendigen Kompromisse zwischen Wollen und Sollen hervorbringt. (...)


Ruhendes und Bewegtes. Erfahrungen mit Georg Trakl

Dieser Essay wird im Dezember 2006 in Salz veröffentlicht.

Am Abend liegt die Stätte öd und braun
die Luft von gräulichem Gestank durchzogen
Das Donnern eines Zugs vom Brückenbogen
Und Spatzen flattern über Busch und Zaun.

Dies ist der Anfang von "Vorstadt im Fön", einer der ersten von Georg Trakls Texten, die ich kennen lernte. Er fand sich in einem Schullesebuch der achten Klasse des Gymnasiums, das ich besuchte, eine ehemaligen Kaserne, die es zu Trakls Zeit noch nicht gab. Die Schule lag in der neuen, hässlich wuchernden Vorstadt, die die Auen an Salzburgs Nordrand ab den 50er Jahren zum Verschwinden brachte (und wohl auch die von Trakl genannten geduckten Hütten ), ein unaufhaltsamer Prozess, noch nicht abgeschlossen, als ich Kind war, und als die Reste des Buschwerks mit ihren wirr verstreuten Pfaden, die ungemähten Wiesen und die verwachsenen Wäldchen, in denen die Nordrandbewohner alte Kühlschränke, Eisenteile, dann und wann ein Autowrack und anderen Fortschrittsmüll abluden, noch einen gefährlichen und gefährdeten Zufluchtsort bildeten. Der Fluss, an dem mein täglicher Schulweg entlang führte, war nicht mehr still wie in Trakls Zeilen, die so genannte Solstufe donnerte und brauste unaufhörlich, und nie sah ich einen Kanal plötzlich feistes Blut speien oder gar Frauen Eingeweide in Körben tragen. Trotzdem haben sich die Worte des Gedichts in mir verhakt. Die pure Ambivalenz, die sie ausstrahlten, zog mich an. (...)


Offene Grenzen. Überlegungen zum Schreiben von Lyrik

Über das eigene Schreiben (von Lyrik) schreiben zu sollen oder zu dürfen, ist eine reizvolle, aber auch etwas einschüchternde Aufgabe: Nicht nur, weil schon unzählige kluge Sätze darüber gesagt und geschrieben wurden, von denen dann einige als elliptische Satzfragmente und Halbzitate im Hinterkopf rauschen, einmal als verwirrende Störgeräusche, einmal als doch - so meint man - tragfähiger Klangteppich der eigenen sprachlichen und noch nicht sprachlichen Gedanken, nicht nur, weil dem Schreiben von Lyrik, wenn es denn als lustvoll oszillierendes Spiel mit dem prekären Verhältnis von Sprachwirklichkeit und Wirklichkeit verstanden, aber vor allem auch als innere Notwendigkeit und mehr noch - gewissermaßen als modus vivendi - erfahren wird, etwas Ungreifbares und Unbegreifbares anhaftet, und schließlich nicht nur, weil sich die Sehnsucht nach vertiefter Kommunikation gerade im Sperrigen, formal Widerständigen, im sich dem konventionellen Sprechen entziehenden Gestus des Gedichts, wie ich finde, am deutlichsten offenbart, sondern auch - und jetzt muss ich zitieren, weil der mit gewissem Anspruch Schreibende weiß, dass "die Sprache von allen die Sprache von niemandem ist. Die Rolle der Poesie war schon immer, ein alternatives Sprachsystem zu produzieren." So Joachim Sartorius im Vorwort des wunderbaren "Atlas der neuen Poesie". (Rowohlt 1996). (...)